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Pille abgesetzt - meine Erfahrung Teil II

Pille abgesetzt. Und jetzt?


Ganz ehrlich, ich fühlte mich wie ein kleines Mädchen, was frisch in der Pubertät ist. Ich beobachtete meinen Körper sehr und war gespannt, welche Veränderungen ich jetzt erkennen würde. Die Pille, die ich davor genommen habe, bestand aus 28 Tablette, von denen die letzten 2 jeweils Placebotabletten waren. Die letzten beiden Tabletten waren also ohne Wirkstoff und so kam es bei mir jeden Monat zu einer leichten Blutung. Nur eben nicht im Januar. Ich machte mir aber keine Sorgen und sagte mir selber einfach, dass mein Körper jetzt Zeit brauchen wird.

Ich hatte zum Geburtstag einen Kalender für dieses Jahr bekommen, den ich wie ein Tagebuch nutze. Dort notierte ich mich jede kleinste Bemerkung, die ich feststellen konnte. Ich notierte mir, wenn ich Kopfschmerzen hatte, viel oder wenig Durst, wie stressig der Tag auf der Arbeit war, ob ich Sport gemacht habe oder nicht und wie mein Blutzucker über den Tag war.


Ich informierte mich ein wenig im Internet und laß, dass die Leber nach dem Absetzen der Pille wohl stark beansprucht werden würde und es gut tut, Ingwer-Zitronen-Wasser zu trinken. Was ein Glück, dass wir beides kostenlos auf Arbeit haben. Und so begann ich, jeden Tag einen Liter der warmen Flüssigkeit in mich zu stopfen. Augen zu und durch war hier die Devise.


Ich hatte von Haarausfall, unreiner Haut, Kopfschmerzen, verstärkten Regelschmerzen, Zwischenblutungen, Stimmungsänderung (positiv und negativ) und vielen anderen Nebenwirkungen gelesen. Da ich eh schon starken Haarausfall hatte, befürchtete ich sehr, bald gar keine Haare mehr auf dem Kopf zu haben, aber dann ist es halt so. Weniger zu föhnen.


Schon 2-3 Tage später merkte ich eine drastische Veränderung: kein Haarteppich mehr hinter mir. Mein Haarausfall war verschwunden. Ich konnte mir Haare nur noch mit Ziehen vom Kopf reißen. Die Badewanne, der Fußboden, die Couch und meine Kleidung war einfach nicht mehr von meinen Locken bedeckt. WAS? Das Gegenteil sollte doch der Fall sein. Jackpot.


Meine Haut? Keine Veränderung. WIE?


Aber:

mein Blutzucker. Der Freund, den ich nach fast 20 Jahren Achterbahnfahrt endlich ein wenig in Zaum halten konnte, flippte völlig aus. Und das gleich 4-5 Tage nach dem Absetzen. Eine Woche lang war die Hölle los. Ich bin am Montag nach dem Absetzen von der Arbeit gegangen, weil ich plötzlich so utopisch hohe Werte hatte, die nicht mehr zu bändigen waren. Mein Anruf beim Gynäkologen war nicht wirklich hilfreich, denn die Frau (und sie ist wirklich schon ewig und 3 Tage Ärztin) hatte bisher keinen Fall, in der Patientinnen davon berichtete. Ich bin also geradewegs zu meinem Diabetologen, denn diese plötzlich erhöhten Werte machten mir Angst. Wir waren gerade auf dem Weg der Besserung, ich fühlte mich vitaler, mein Körper wurde gesünder und ich merkte, wie gut ich meinen Blutzucker eigentlich im Griff haben konnte. Und jetzt so ein schei*? Ah man.


Mein Diabetologe beruhigte mich gleich und teilte mir mit, dass Insulin ein Hormon ist und diese ja gerade in meinem Körper verrückt spielen. Hier herrscht also ein ganz klarer Zusammenhang, an den ich irgendwie nicht gedacht hatte.

Wir passten meine Werte wieder etwas an und da mein regulärer Termin eh in 2 Wochen wäre, schauen wir da nochmal drüber. Witzig, 2 Tage nachdem wir alles umgestellt hatten und die gesamte Insulinmenge vermehr haben, war ich wertetechnisch wieder im Keller. Was soll das denn?

Immerhin bekomm ich tiefe Werte mit süßen Getränken und Traubenzucker selber geregelt und in 2 Wochen soll der Arzt sich das anschauen.

2 Wochen später haben wir die Insulinmenge also wieder runtergesetzt und uns darauf geeinigt, einfach nur noch auf das zu reagieren, was mein Körper eben gerade veranstaltet. Früher oder später hätte ich die Pille eh absetzen müssen und es schadet ja nicht, meinen Diabetes jetzt schon auf den natürlichen Rhythmus meines Körpers einzustellen.


Dann hatte ich eine Blasenentzündung und direkt im Anschluss darauf meine erste Periode. 28 Tage nach dem Absetzen. Was? Das kann doch beim besten Willen nicht wahr sein.


Meine "erste" Periode kam mit extremen Schmerzen am ersten Tag. Die weiteren Tage waren vollkommen schmerzfrei und in Ordnung. Allgemein war ich mit dem Verlauf meiner Periode hinsichtlich der Dauer und der Blutmenge vollkommen zufrieden. Der nächste Zyklus kam wieder ohne Beschwerden, während ich im dritten Monat wieder sehr stark unter den Beschwerden litt. Ich erkannte hier aber einen Zusammenhang zwischen dem Ausmaß der Blasenentzündung und den Schmerzen während der Periode.


Die Tage vergingen, alles war in Ordnung. Bis dann mein Zucker wieder unerklärlich anstieg. Hubby und ich waren an diesem Tag schwimmen und ich bin davon ausgegangen, dass ich einen Fehler bei der Berechnung der Insulinmenge gemacht habe. Kein Problem, ich trinke einfach viel um den Zucker herauszuspülen und spritze mir mehr Insulin, damit der Zucker wieder abfällt und alles wird gut.


Aber irgendwie halt nicht. Den ganzen Abend und die ganze Nacht war eine Katastrophe. Ich wechselte also alle Nadeln und Schläuche um sicher zu gehen, dass das Insulin überall problemlos durchfließen kann und die hohen Werte nicht daran liegen. Morgens war ich dann wieder im Zielbereich und nach der anstrengenden Nacht habe ich gefrühstückt und darauf geachtet, etwas zu essen, von dem ich genau weiß, wie viel ich dafür spritzen muss und entsprechend dann auch diese Menge Insulin abgegeben. Dann merkte ich wieder diesen unangenehmen Durst den ich habe, wenn mein Zucker ansteigt. 400 mg/dl. Ernsthaft? Nach 2 Scheiben Toast? Das ist das berechenbarste, was man zum Frühstück essen kann. Egal, ich spritze runter und dann wird das. Oder auch nicht. Ich habe meine Werte wieder nicht unter Kontrolle bekommen. So ziemlich genau 7 Tage lang. Und dann war plötzlich wieder alles normal.


Mein nächster Arzttermin stand an und wir nahmen einfach alles so an, wie es eben kam. Was eine Regelmäßigkeit zeigte, passten der Arzt und ich an und für alles, was einfach plötzlich da war, reagierte ich entsprechend.


Und kam sie wieder: meine Periode. Genau 4 Wochen nach dem letzten Tag der letzten Periode. Wahnsinn! Hätte ich nicht erwartet.


Damit verbunden kam aber wieder eine Woche von unberechenbaren Blutzuckerschwankungen. Bis wir dann bei einem Termin feststellten, es ist immer eine Woche nach meiner Periode, wenn die Werte völlig ausrasten. Was ist der Grund? - Der Eisprung. In der Zeit, in der sich mein Körper auf den Eisprung vorbereitet, wird ein Hormon besonders stark ausgeschüttet, was einfach zu einer Insulinresistenz führt. Deswegen kann ich auch ohne Ende Insulin abgeben, ich bekomme meine Werte einfach nicht in den Normalbereich.


Mein hammerspitzenmäßiger Arzt hatte aber auch dafür eine Lösung: meine schlaue Insulinpumpe bietet die Möglichkeit, verschiedene Spritz-Profile zu speichern. Wir erstellten also ein neues Profil, welches liebevoll "Post-menst." heißt, welches ich nach meiner Periode starte. In dieser Zeit laufen etwa 150% Insulin in meinen Körper. Also 50% mehr, als sonst. Nach dem Eisprung, wenn sich die Hormone wieder beruhigen, schalte ich auf das Standart-Profil um und alles läuft wieder normal.


Ich hätte niemals gedacht, dass der Zyklus sich auf so viele Bereiche des Lebens und des Körper auswirkt. Die körperliche Leistungsfähigkeit, psychische Belastbarkeit, der Bedarf an Schlaf, Hunger, Stimmung, Blutzuckerwerte bei Diabetikern und vieles mehr wird davon beeinflusst, in welcher Phase des Zyklus eine Frau sich gerade befindet.


Um einen genauen Überblick darüber zu bekommen, was sich wann und wie verändert bzw. geäußert hat, habe ich die Seiten meines Tagebuches noch einmal durchgelesen und mir die Schlagwörter aufgeschrieben, die öfter vorkamen.

  • starkes Schwitzen in der Woche vor der Periode bzw. intensiverer Schweißgeruch

  • Kopfschmerzen in der Woche nach der Periode (eventueller Zusammenhang mit hohem Blutzucker)

  • Blasenentzündung in der Woche vor der Periode (extra Blogpost)

Das sind die Punkte, die sich seitdem durch jeden Monat gezogen haben. Hier und da habe ich mal von Stimmungsschwankungen, mehr Hunger oder kleineren Beschwerden gesprochen aber das ist so vereinzelt, dass ich es nicht auf den Zyklus zurückführen würde.


Die letzten 2 Wochen des März waren auf Arbeit etwas stressiger, was sich dann auf meiner Haut bemerkbar gemacht hat. In dieser Zeit war mein Blutzucker sehr chaotisch und ich habe ungesundes Essen in mich hinein geladen wie selten. Vor meiner Periode im April habe ich vermehr Haarausfall festgestellt, den ich jetzt noch etwas beobachte. Vielleicht kommt mein Haarausfall wieder zurück oder wird sogar noch stärker, da nun die Hormone der Pille "fehlen". Eventuell ist er aber wirklich nur stressbedingt und geht wieder zurück. Ich werde das auf jeden Fall im Auge behalten.


Abgesehen von diesen "harten Fakten" habe ich natürlich auch meine Stimmung und Gefühle protokoliert. Auf der ersten Seite meines Tagebuches gibt es eine Jahresblüte der Gefühle, wo man jedem Gefühl eine eigene Farbe zuordnet und dann jeden Tag ein Feld ausmalt. Diese Blüte gibt mir einen echt guten Überblick über meine Stimmung. Dadurch habe ich auch meine Zyklusphasen sehr gut erkennen können, denn es gibt immer wieder Tage, die sind eher negativ behaftet und ich fühle mich erschöpft, traurig oder launisch. Und dann gibt es wieder Phasen, in denen ich mich glücklich, vital und entspannt fühle. Diese Phasen lassen sich anhand der Farben echt gut erkennen. Ich finde es auch sehr spannend zu beobachten, dass es in diesem Jahr Tage gibt, an denen ich mich in jedem Monat gleich gefühlt habe. So ist der 11. jeden Monats und der 26. immer in der gleichen Farbe ausgemalt.

Ich habe festgestellt, dass ich doch sehr oft gute Laune habe und meine Stimmung positiv bewerten würde. In diesem Jahr kam es auch schon oft zu Situationen, in denen ich vor einem Jahr noch ganz anders reagiert hätte und jetzt konnte ich diese Probleme so lösen, wie sie in meinem Kopf richtig erscheinen. Ganz so, wie ich mich selber vor einigen Jahren beschrieben hätte. Es fehlt mir viel leichter, Distanz zu gewinnen und mich emotional abzukapseln, kein Teil des Dramas zu sein. Ich mache mir auch bewusst, was ein Ereignis mit mir gemacht hat und kann jetzt wieder viel reflektierter mit meinen Gedanken und Gefühlen umgehen, was nicht nur für mich positiv ist, sondern auch im Umgang mit anderen viel angenehmer ist.


Alles war soweit in Ordnung. Bis auf meine blöden Blasenentzündungen...


XX Valentina

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